Nâzım Hikmet in Prag 1958

rSSR

Nazim Hikmet: Pobyt v Praze. Cyklus Básní.  Československý spisovatel, Praha 1959. Gr. 8° (25×17,5 cm), OKlappenbroschur, 40 S. Erste Ausgabe, erschienen in 4000 Exemplaren. Übersetzung ins Tschechische von Jiří Taufer, Umschlag und Typographie von Zdenek Seydl, Fotos von Josef Prošek. EUR 40,-

Im sog. Westen zu dieser Zeit praktisch unbekannt, war Nazim Hikmet, der bedeutendste türkische Dichter des 20. Jahrhunderts, in den realsozialistischen Ländern der 50er Jahre ein geschätzter Mann. Geboren wurde er 1902 in Thessaloniki, seit den 20er Jahren war er in der Türkei immer wieder aus politischen Gründen in Haft, so dass am Ende nur das dauerhafte Exil blieb.  1958  besuchte er also die ČSSR, und das Ergebnis war unter anderem der vorliegende Gedichtzyklus, übersetzt „Aufenthalt in Prag“. Da haben sich die Tschechen nicht lumpen lassen und ihm ein schönes Buch daraus gemacht, mit Handschriftenfaksimiles auf den grünen Vorsätzen und zahlreichen Abbildungen nach Fotos. Die Texte behandeln Begegnungen im Alltag und mit Kollegen, so etwa mit Vítězslav Nezval, der auf dem abgebildeten Gemälde zu sehen ist, auch interessiert ihn der Prager Barock, aber es geht auch um den üblichen Aufbau-Optimismus. Wäre interessant zu wissen, ob es davon jemals Übersetzungen ins Deutsche gab, denn obgleich Hikmet auch aus internationaler Perspektive als wirklich bedeutender Lyriker gilt, ist sein Werk nur wenig ins Deutsche übersetzt, zunächst in der DDR, dann zumeist in verdienstvollen aber kleinen westdeutschen Nischenverlagen. Die bislang umfassendste Zusammenstellung veröffentlichte der Türkische Akademiker- und Künstlerverein 1977 in der Berliner Elefantenpress, ein großformatiger, zweisprachiger Band mit über 300 Seiten.

Was für einen Respekt Hikmet bei vielen genießt, mag folgende Anekdote illustrieren: 1998 verlieh die FU Berlin Yaşar Kemal, dem berühmten Erzähler und Aktivisten,  die Ehrendoktorwürde. Auffallend viele Herren in dunklen Anzügen und Knopf im Ohr standen herum, als im Henry-Ford-Bau der FU die Verleihung stattfand. Kemal werde von türkischen Rechtsradikalen bedroht, hieß es. Es gab natürlich eine Laudation, und Kemal selbst sprach auch, aber nicht über sich oder dieses oder jenes, sondern über Nazim Hikmet. Der bedeutendste türkische Erzähler des 20. Jahrhunderts nutzt seine Ehrung, um den bedeutendsten Dichter zu würdigen. Fand ich beeindruckend.

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