Großsiedlung Märkisches Viertel – Planung, Realität, Protest

MV-Plandokumentation. Märkisches Viertel. Verlag Kiepert, Berlin 1972. Ill.OKtn mit Schraubenbindung, 165 Bll., Querformat 30 x 31 cm. (verkauft)

 

Aufwendige und vermutlich in ansehnlicher Auflage produzierte Dokumentation, muss ein Vernmögen gekostet haben. Veröffentlicht lustigerweise zu einem Zeitpunkt, als nicht nur die mit der Siedlung verbundenen stadtplanerischen Träume längst passé waren, sondern sogar der Protest dagegen seinen Höhepunkt schon überschritten hatte…

Die Großwohnsiedlung im Westberliner Norden wurde ab 1963 gebaut, im Rahmen einer Doppelstrategie, die einerseits auf die sogenannte Flächensanierung der Altbaugebietes, sprich deren Abriss setzte, und andererseits eben auf die Umsiedlung der Bewohner in solche Trabantenstädte am Stadtrand.  Die Anfangseuphorie schwand schnell, als die neuen BewohnerInnen feststellten, dass versprochen Verkehrsanbindungen und andere Infrastruktur nicht oder erst nach Jahrzehnten gebaut wurde, dass das Leben dort draußen auch den Verlust gerade für arme Menschen wichtiger sozialer Netze bedeutete, dass die Mietkosten unterm Strich viel höher waren als im Altbau, und dass im Zusammenspiel von Senat und Wohnungsbaugesellschaften die Interessen der einzelnen MieterInnen völlig unter den Tisch fielen. Zudem geriet die angestrebte „soziale Mischung“ nicht wie erwünscht, und es begann vornehmlich in der Sensationspresse, zu der wir auch den „Spiegel“ zählen möchten,  die Herstellung eines Noir, diese Viertel betreffend.

1968 geschah nun Erstaunliches: die sowieso schon revoltierenden Studierenden etwa des Architektur-Fachbereichs der TU entdeckten das Thema, das dann auch großen Raum erhielt bei einer interessanten, mehr oder minder informellen Ausstellung am Fachbereich (Titel: „Diagnose“). BewohnerInnen des MV wurden zu Uni gebracht, Sudierende fuhren raus, und es entstand in den folgenden Jahren eine außergewöhnliche Muschung aus Uni und Protest. Neben denen von der Architektur waren v.a. Studierende der PH (Pädagogische Hochschule) beteiligt, von denen allein im Rahmen eines Projekts rund 100 ins MV schwärmten. Dabei ging sicherlich auch um die zu erwerbenden Scheinchen („Leistungsnachweise“), und nach Vollendung der Arbeit sind viele Studentchen dann eben wieder verschwunden. Es gab aber auch andere, bei denen das Engagement authentisch war, wie etwa die später als Filmemacherin bekannt gewordene Helga Reidemeister und andere, die später die Politfilm-Firma „Basisfilm“ gründeten, und sicher etliche andere mehr. Jedenfalls ergab sich ein Gemenge aus protestierenden BewohnerInnen und mehr oder minder bewegten Studierenden, das von Beginn an auch von Konflikten durchsetzt war, was sich durch die einsetzende Verwandlung in eine marxistisch dominierte Politgruppen-Szenerie vermutlich nicht besserte. Aber, es gab die Proteste, und wer sich damit beschäftigt, wird auch viel Interessantes finden, nicht nur was Protestformen angeht.  Eine wichtige Quelle hierfür ist die Zeitschrift MVZ, von der hier ein Konvolut an bieten (s.u.). Zur Zeitung ist schon damals eine Art Dokumentation erschienen:

Autorengruppe Märkische Viertel Zeitung: Stadtteilzeitung. Dokumente und Analysen zur Stadtteilarbeit. Rowohlt, 1974.

Bei Rowohlt erschienen weiterhin zum Thema:

Wohnste Sozial, haste die Qual. Jetzt reden wir. Betroffene des Märkischen Viertels. Mühsamer Weg zur Solidarisierung. (1975)

Autorengruppe Abenteuerspielplatz Märkisches Viertel: Abenteuerspielplatz. Wo spielen verboten ist. Experiment und Erfahrung. (1976)

Als ungehobener Schatz können die diesbezüglichen Bestände im APO-Archiv der FU Berlin gelten, insbesondere die von Helga Reidemeister stammenden Unterlagen.

MVZ. 5 Ausgaben. Format ca. A4. Zumeist Klebebindung. EUR 60,- (von dem Frauen-Heft 3 / 71 gibt es auch eine Dublette, die einzelnd erhältlich ist)